Mittwoch, 18. März 2009

Das Leiden des jungen Zivi

Lernstress nervt. Klausurenstress kann die Stimmung einer ganzen Woche ruinieren. Mann ist unausgeglichen, sobald man fertig mit dem Lernen ist, kann man sich zwar etwas anderem widmen, abschalten allerdings nicht. Vor knapp einem Jahr begann bei mir die Phase der Abiturvorbereitung, Stress, Unsicherheit, schlechte Laune - das war das tägliche Bild.
Im Nachhinein kann ich nur sagen: was für eine schöne Zeit! Denn was momentan mein Leben als Schulersatz bestimmt, ist weitaus schlimmer. Viel schlimmer.

Als ich am 21.12.07 dann auch meine Vorladung zum Kreiswehrersatzamt hatte, war die Planung für mich eigentlich klar. Nach der stressigen und lernintensiven Kollegstufenzeit, sah ich in der Zivildienstzeit die Möglichkeit, noch einmal ein bisschen abzuschalten, bevor dann das Studium losgeht. Acht Stunden arbeiten, danach die Zeit genießen, ohne Klausuren oder Ähnlichem im Hinterkopf. Also keine der vielen Ausmusterungsratschläge befolgt, nein, gleich auf Zivildienst plädiert, und wie nicht anders zu erwarten, T2 gemustert. Kurze Zeit später hatte ich meine Stelle in einem Seniorenzentrum - Haustechnik, versteht sich. Außerdem, so war der damalige Gedankengang, könnte es ja nicht schaden, wenn ich, handwerklich eher weniger versiert, für mein späteres Leben ein bisschen praktische Erfahrungen sammle. "Damit du dann später mal deine Wohnung selber tapezieren kannst" - ein Spruch den mein Vater geradezu zelebrierte um mir die anstehenden neun Monate als eine möglichst wenig sinnlosen Zeit schmackhaft zu machen.

Die Zivirealität in der ich nun seit sechs Monaten stecke, ist ein Sammelpool aus all dem was mir in den letzten Jahren glücklicherweise erspart blieb. Völlig anspruchslose Arbeit, die weder interessant, noch abwechslungsreich und leider auch nicht wie anfangs erhofft, in irgendeiner Weise für das spätere Leben nützlich. Wäsche-Müll Dienst, Tapeten abkratzen und Dinge von A nach B schleppen - Als Zivi hat man sehr viel Zeit zum nachdenken. Dazu kommt das Phänomen von zu vielen dummen Menschen, die sich darüber leider nicht im Klaren sind und sich deswegen auch keinerlei Gedanken über ihr persönliches Wesen oder Verhalten machen. Ja da hat man es als Abiturient nicht leicht. Sprüche wie "nimm ihm ja de Akkuschrauber ab und gib ihm n Kuli" sind auf dem Bauabschnitt des Seniorenzentrums an der Tagesordnung. Anhören muss man sich das vornehmlich von ostdeutschen Leiharbeitern. Sie halten sich dabei übrigens für unfassbar komisch. Mann muss das verstehen - mit ihrem ostdeutschen Hintergrund, das Abitur noch eher die große Unbekannte.
Das Schlimmste und Gravierendste ist allerdings die völlige Anspruchslosigkeit. Man ist sich als Schüler gar nicht bewusst, wie sehr man sich an die ständige Beanspruchung gewöhnt und wie sehr man sie zum persönlichen Gleichgewicht braucht. Natürlich sind sechs Wochen Sommerferien eine Wohltat. Doch ein Zeitraum von sechs oder mehr Monaten ohne jegliche geistige Beanspruchung ist eine Qual. Kein Denkeinsatz nötig. Kein Hinterfragen. Keinerlei tiefgründiges Handeln. Gekrönt von der alles überragenden Anweisung "Kein eigenständiges Denken". Worauf man sich während der Abistress-Zeit freut und als entspannte fröhliche Zeit sieht, wird danach zur eintönigen Einöde.

Also an alle Gestressten, an Schulstoff Verzweifelnden und an alle die nicht abschalten können - ich hoffe ihr wisst es zu schätzen.

4 Kommentare:

  1. Na glücklicherweise dauert der Zivildienst ja nur neun Monate und nicht ein Leben lang. Es trägt sicher zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit bei auch mal mit "Nichtabiturienten" zu arbeiten und wenn das Ross auf dem man sitzt nicht gar zu hoch ist, erkennt man vielleicht, dass der Wert und die Wichtigkeit eines Menschen nicht vom Schulabschluss abhängt und man profitiert dann möglicherweise auch für sein zukünftiges berufliches Leben, denn auch da wird man wieder sehr vielen ( netten, wertvollen, wichtigen, hilfreichen...) Menschen ohne Abitur begegnen. Also halt die Augen und Ohren offen...und relax!!!

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  2. Niklas, mein Freund, hör nicht auf diesen Quatsch.
    Ich weiß, dass du es nicht tun wirst.

    ZIVI = AUSBEUTE.

    Der deutsche Staat nutzt die unentschiedene post-abiturielle Jugend doch nur aus um Personalkosten zu sparen! Das ist alles. Deshalb haben wir hier noch Wehr- oder Zivildienstpflicht, verdammt. Halbeuropa aber nicht.

    Der gesunde Geist braucht Herausforderung. Man sollte sein Leben lang lernen. Zu viele Menschen sind glücklich in ihrem Scheuklappen-System. Deshalb ist die Bild-Zeitung erfolgreich. Drum widme ich mich der Lektüre dieses Blogs.

    Den Spruch mit der Tapezierfähigkeit habe ich ebenfalls gehört. Er ist zu verfluchen. Soft skills? Handwerkliches Geschick? Da wächst man hinein, aber ganz bestimmt nur mit einem Zivildienst.

    Ich sage dazu nur eins: Tätig ist, wer immer einen gewissen Lärm verursacht - Wirken vollzieht sich im Stillen.

    Lernen ist nur die Vorstufe unseres Schaffens. Das Wissen, kombiniert mit unserem Potenzial, drückt sich doch als ein Schaffensprozess aus.
    Sind wir nicht auf Erden (oder im i-net) um geistigen Output zu verrichten und diesen an Generationen weiterzugeben? Das sichert FORTSCHRITT und Überleben der Spezies Mensch.

    Aber: Du verlierst keine Zeit durch den Zivi. Biste doch ein Teil vom hart arbeitenden Proletariat. Da lernste mal Schwitzen.

    Zitat Ende. Grüße aus Ravensburg. Die Sonne scheint, die Frisur hält.

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  3. Was ist an einem System auszusetzen, welches dafür sorgt, dass viele sozial schwache Menschen Hilfe bekommen und zwar in einer Form die sie sich auch leisten können? Mehr als der persönlich verletzte Stolz eines einzelnen Betroffenen der diese Dienste mehr oder weniger freiwillig verrichtet wohl nicht!

    Sollten nicht gerade die Privilegierten einer Gesellschaft es sein, die mit Charaktergrösse und in besserem Wissen über den Dingen stehen und mit gutem Beispiel voran gehen? Ich meine warum besuchen wir für 13 Jahre die Schule und studieren im Anschluss nochmal für mehrere? Meine persönliche Erfahrung ist, dass Bildung in Kombination mit altern die beste Schule für Charakter und Weitsicht ist. Auch wenn der Prozess der Erkenntnis langsam vonstatten geht, findet man beim anschliessenden Blick zurück sehr viele gesagte oder gedachte Dinge für die man sich im Nachhinein liebend gerne steinigen lassen würde...

    Eine der grössten Schwächen eines Menschen ist die Überheblichkeit gegenüber dem Unbekannten und das nicht nur weil die eigene Einstellung eines Tages auf einen selbst zurück fallen könnte. Die wahre und gefestigte Persönlichkeit bleibt von soetwas unbeeindruckt, kann sie doch nur von Menschen verletzt werden die sie liebt und somit ein Teil von ihr sind.

    Das nicht alle meine VorrednerInnen diese Ansichten teilen werden, ist anhand der Differenz der Inahlte der Kommentare deutlich abzulesen. Aber ich bin guter Hoffnung, dass die zerschmetternde Banalität der Einsicht auch diese in Zunkunft (ob nah oder fern) auch noch einholen wird...

    Ich entschuldige mich schonmal profylaktisch dafür, dass ich jetz so klinge als wäre ich Konfuzius` liebster Schüler, aber irgendwie wurde es leicht philosophisch... ;)

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  4. Moin Niclas,

    Das beste Beispiel, dass der Zivildienst nicht nur schlecht ist dürfte dieser Blog sein. Je nachdem was du hinterher machst dürfte dafür nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung stehen.

    Ich stehe dem ganzen aber auch kritisch gegenüber, auch wenn ich seit März wieder mein Hirn betätigen darf. Ob der Zivildienst noch gebraucht wird stelle ich mal in Frage wenn über 50% der Kandidaten nicht genommen werden und ich an die Anzahl von 1 €-Jobbern oder Hartz4-Empfängern denke.
    Zumindest eine deutliche Reduzierung der Zivildienstzeit (Bundeswehr natürlich das selbe) bei Heranziehung aller Kandidaten (außer denen die wirklich untauglich sind) und natürlich Gleichberechtigung, also auch Heranziehung von Frauen (warum sollte das in diesem Bereich nicht gelten wenn Frauen ihre ehemalige Rolle im Haushalt nicht mehr ausfüllen und überall gleichberechtigt werden wollen?), sollte ohne Probleme drin sein.

    Wie auch immer, allen die Zivildienst noch machen müssen (die Abschaffung von Wehrpflicht/Zivildienst ist für mich nur eine Frage der Zeit) kann ich nur raten einen Fahrdienst zu machen. Da ist man normaler Weise mit mehreren Gleichaltrigen/-gesinnten zusammen und weiß was einen erwartet.

    Hau rein und lass dich nicht unterkriegen,

    Moritz

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