Philosophisches Dossier I - Die alltägliche Philosophie \ Mittelpunkte
Silvester Stallone zählt sicherlich zu den bekanntesten Hollywoodfiguren der letzten 30 Jahre. Trotz weniger schauspielerisch überzeugender Auftritte und mehreren Filmen die man getrost in die Kategorie B-Movie einordnen kann, hat er es zu einer Ikone des amerikanischen Action-Genres geschafft. Diesem sagt man ja eine gewisse Primitivität nach, in einem richtigen Actionfilm geht es nicht um tiefgründige Analysen von gescheiterten Persönlichkeiten; Zwischenmenschliche Beziehungen werden auf ein Minimum reduziert und auch die Bereiche Logik und Realismus werden, manchmal mehr, manchmal weniger charmant und augenzwinkernd, vernachlässigt. Das soll nicht heißen, dass jeder Actionfilm schlecht und den Eintritt ins Kino nicht wert ist, doch ist man sich vorher bewusst, dass kein aufwühlender, verstörender Mix aus Emotionen und Eindrücken zurückbleibt, sondern allerhöchstens eine gehörige Ladung Adrenalin, hervorgerufen durch den Finalen Showdown mit vielen Explosionen.
Doch es gibt Ausnahmen. Und sie tauchen dort auf, wo man sie am wenigsten erwartet: "John Rambo". Wie zu erwarten spielt der eben angesprochener Sylvester Stallone die Hauptrolle, genau wie in den drei vorherigen "Rambo" Filmen. Der Film war ein voller Flop, sowohl die Zuschauerzahlen als auch die Kritiken waren miserabel. Schlechte Schauspieler, schlechtes Drehbuch, übertrieben brutal - schlichtweg ein wirklich mieser Streifen. Allerdings beinhaltet er einen Satz der mehr Philosophie enthält als man ihm zugestehen möchte.
Als John Rambo und seine Begleiter in einer schier ausweglosen Situation sind, umzingelt von Feinden, haben sie entweder die Möglichkeit sich ihren Feinden zu ergeben oder aber weiter für ihre Ideale zu kämpfen. Da nun diese schwere Entscheidung ansteht, kommt es zu einer Diskussion. Die Gruppe ist gespalten. Da sagt ein verschwitzter, dreckiger und erschöpfter Sylvester Stallone mit grimmiger Miene: "Leben für nichts oder für etwas sterben".
Ich gebe zu im ersten Moment wirkt es ein wenig grotesk. Und doch war dieser Satz der Anreiz für diesen Post. Denn das faszinierende für mich an dieser Aussage ist, dass sie so philosophisch und doch so simple zugleich ist. Und sie ist exemplarisch für jeden Menschen und seinen Bezug zur Philosophie. Sicher war es nicht die Intention des John Rambo seinen Sinn des Lebens zum Ausdruck zu bringen - Und doch hat er es getan. Überleben ist es nicht. Für ihn ist es wichtiger, dass sein Leben einen Sinn hat bzw. hatte, als sinnlos, ohne Ideale, Ziele oder Träume vor sich hin zu existieren. Doch hat er nicht genau definiert was "für etwas sterben" für ihn bedeutet. Es wäre vermutlich auch nicht passend gewesen, hätte er diesen ohnehin schon absurden Anflug von Philosophie unnötigerweise weiter vertieft. Das Entscheidende ist: Er hat "philosophiert" ohne sich dessen bewusst zu sein. Ein Phänomen, das so alltäglich ist wie Meckern, Jubeln, Lachen, Weinen. Die Philosophie ist präsenter als die meisten Menschen es für möglich halten, sie ist ein fester Teil unserer Gesellschaft und jedes einzelnen Menschen.
Philosophie ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist wohl die stagnierendste Wissenschaft von allen, in der in den letzten zweieinhalb tausend Jahren nicht eine verlässliche Antwort gefunden wurde. Es ist zwar ein Wandel innerhalb der Philosophie entstanden, von den grundlegenden Fragen "Warum gibt es uns?" und "Was ist der Sinn dahinter?" zu Zeiten von Sokrates und Plato, hinzu den konkreteren Aussagen auf abgewandelte Fragen von Kant, Descartes und Freud "Was ist Ich?" und "Kann ich wollen was ich will?". Man könnte sagen, dass auch die wohl am ungreifbarste, um noch einen Superlativ zu verwenden, Wissenschaft, mit der Zeit pragmatischer wurde. Den Sinn des Lebens zu finden erschien den Philosophen der Neuzeit ebenso veraltet wie voreilig- Bevor der Sinn meines Lebens gesucht wird, muss ich erst einmal wissen wer oder was ich bin ! Wenn ICH nicht weiß wer oder was ICH bin, kann ich für MICH auch nicht definieren, was mein Leben für einen Inhalt hat. Bevor ich über die Anwendung oder den Gebrauch einer Maschine nachdenke, muss ich doch erst einmal wissen um was für eine Maschine es sich handelt.
Trotz ihrer Erfolglosigkeit, wenn man sie denn auf handfeste Resultate beschränken möchte, hat die Philosophie niemals ihren Charme verloren. Wie gesagt wissen die meisten Menschen gar nicht bzw. sind sich gar nicht bewusst, dass Philosophie viel präsenter ist als sie denken. Welcher Mittvierziger hat sich noch nicht wehmütig an die wilde Jugend erinnert während er sich an einem verregneten Dienstag Nachmittag auf dem Heimweg zu seiner gleichermaßen genervten wie desinteressierten Frau befindet, die sowohl mit der kaputten Waschmaschine als auch mit den beiden stark pubertierenden Töchtern stark zu kämpfen hat. Einfach alles hinschmeißen und sich ganz egoistisch selbst mal wieder als den Lebensmittelpunkt definieren - Keinen langweiligen Job, keine nervende Frau, keine völlig missratenen Kinder mehr. Der Film American Beauty war auch deshalb so erfolgreich, weil er aus der ehemals "verstaubten" Philosophie, Hollywood reifes Material gemacht hat, auch wenn sie sicherlich nicht die Grundidee des Filmes ist. Dennoch, das Wort 'Midlife-Crisis' platz förmlich vor Philosophie.
Sie ist allgegenwärtig, oftmals ist uns gar nicht bewusst, dass wir philosophieren. Das liegt daran, dass wir dies oft als Träumereien abtun. Fragen die allzu grundlegend an den Pfeilern einer Existenz rütteln, werden schnell aus Angst vor sich selbst wieder verworfen. Der eben natürlich sehr plakative Fall vom sinnentleerten und unglücklichen Leben des Mittvierzigers ist ein gutes Beispiel. Nach wenigen Minuten der Träumerei über die wilden Sommernächte der 80er, in denen er frei und glücklich sein Leben gelebt hat, wird er sich schnell wieder selbst zurück in die Realität holen und sich bewusst machen, dass diese Zeiten vorbei sind - ein für allemal. Jetzt bestimmen Familie und Beruf sein Leben. In seinem Fall ein langweiliger Beruf und eine Familie die mehr Stress als Geborgenheit produziert. Aber ausbrechen daraus? Unmöglich- Verantwortung gegenüber seiner Frau und seinen Kindern. Die alten Zeiten aufleben lassen, dass kann Kevin Spacey wenn er vor der Kamera steht, der Mittvierziger kann es nicht.
Aber ist das wirklich so? Ist es wirklich der Sinn SEINES Lebens die restlichen 30-40 Jahre seines Lebens damit zu verbringen seiner Verantwortung gegenüber der Furie von Frau und den verzogenen Gören gerecht zu werden? Sollte er nicht das tun, von dem er glaubt, dass es ihn glücklich macht, nicht nur für den Moment sondern auch langfristig?
Das ist die typische Alltagsphilosophie eines jeden. Sie fällt unterschiedlich aus, ein Beispiel ist das des Mittvierzigers, ein Anderes könnte ein todunglücklicher Teenie sein, dem nach einer Abfuhr seines Schwarms der ganze Trott um Schule und schimpfende Eltern zu viel wird.
Die Philosophie hat auf all diese Fragen keine Antworten parat, aber sie bietet jedem die Möglichkeit, sie zu finden.
Der Sinn des Lebens? Eine Antwort auf diese Frage ist so lange zweitrangig, solange man ein erfülltes Leben führt. Und das ist der Schlüssel. Erfüllt bedeutet für jeden etwas anderes- manche streben nach Glück allein, andere wollen etwas bewegen in ihrem Leben, wieder andere widmen ihr Leben einer ganz bestimmten Sache, beispielsweise dem Glauben. Jeder Mensch braucht Mittelpunkte in seinem Leben, auf die er sein Leben aufbauen kann, die ihm einen Sinn geben.
Die Crux an der Geschichte ist: es ist schwieriger als man meinen möchte diese Punkte für sich selbst zu finden. Sie zu finden ist eine Lebensaufgabe und erfordert viel Aufwand und Zeit. Im Prinzip ist das Suchen nach ihnen schon der erste Mittelpunkt.
"Es ist wohl die stagnierendste Wissenschaft von allen, in der in den letzten zweieinhalb tausend Jahren nicht eine verlässliche Antwort gefunden wurde." - "Die Philosophie hat auf all diese Fragen keine Antworten parat, aber sie bietet jedem die Möglichkeit, sie zu finden."
AntwortenLöschenHat in disem Falle nicht die Philosophie wohl mehr Fragen beantwortet als alle anderen Wissenschaften zusammen? ;)
Man wende den vorletzten Absatz aus deinem Text auf die "dummen Menschen" aus den Leiden des jungen Zivi an... Hier bietet sich die Möglichkeit Antworten zu finden...
Guter Ansatz Alex!!!
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